Der Drache beißt: Chinas Smartphones gehört die Zukunft

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China
China(© 2014 Xiaomi, Oppo, Coolpad, OnePlus, Meizu, CURVED Montage)

Die alte Garde der Smartphone-Hersteller steht vor dem Abgrund. Nokia schlüpft unter das schützende Zelt von Microsoft, Blackberry sucht nach der Rettungsweste. Und selbst die neuen Mächte - Apple, Samsung oder HTC - geraten in Schwierigkeiten. Denn aus China rücken Xiaomi, Meizu, Oppo und Co. nach. Mit Top-Technik zu Kleinstpreisen. Wie machen die das nur?

Mit meinen 41 Jahren habe ich schon viele Handys und Smartphones von unterschiedlichen Marken mein Eigen genannt. Darunter waren das gute alte PH 337 von Ericsson, zahlreiche Nokia Handys, ein paar Sonys und einige iPhones. Handys und Smartphones kamen und gingen. Aber  seit einigen Jahren verschwinden nach und nach die mir altbekannten Namen wie Ericsson, Siemens und auch bald Nokia. Deren Plätze nahmen Apple, Samsung, Blackberry, LG und andere ein. Aber auch deren Tage scheinen schon gezählt zu sein. Samsung musste erst vor kurzem einen Rückgang an verkauften Smartphones bekanntgeben, die Gewinne schmelzen dahin. Aber wohin?

Im Gegenzug schießen aus China, meinem Geburtsland, Smartphone-Hersteller empor, deren Namen man bis vor wenigen Jahren nicht kannte. Habt Ihr 2012 schon von Oppo, Meizu, Coolpad, OnePlus und Xiaomi gehört? Bestimmt nicht. Erst seit den vergangenen zwei, drei Jahren werden die Newcomer auch außerhalb von China wahrgenommen. Vor allem ein Hersteller bildet die Speerspitze in der illustren Gruppe der Smartphone-Hersteller aus China: Xiaomi. Binnen vier Jahren katapultierte sich das Unternehmen von Lei Jun vom Nobody zur Bedrohnung Nummer 1 für Apple, Samsung und Co. auf dem chinesischen Smartphone-Markt.

Im ersten Halbjahr dieses Jahres verkaufte Xiaomi laut eigenen Angaben schon über 26 Millionen Smartphones. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2013 verkaufte Xiaomi etwas mehr als 18 Millionen Smartphones. Das vom Firmenchef Lei Jun ausgegebene Ziel für das Jahr 2014 liegt bei sagenhaften 60 Millionen Endgeräten. Wie stellen Xiaomi und Co. das eigentlich an?

Erfolgsrezept: Patriotismus

Chinesen kaufen gerne Produkte, die aus China kommen. Mit "Chinesen" meine ich natürlich die breite Masse, also den normalen Chinesen, den Arbeiter. Der will ein Smartphone, das über ein gutes Design und angepasste Software verfügt, aber vor allem erschwinglich ist. In Sachen Design ist Apple für die chinesischen Hersteller der Maßstab, das zeigen die Smartphones von Xiaomi, Meizu und Co. eindeutig. In westlichen Ländern wird das als schamlose Kopie bezeichnet, obwohl Oscar Wilde auch schon mal anmerkte, dass die Nachahmung doch die höchste Form der Anerkennung ist.

"Nachahmung ist die höchste Form der Anerkennung" - Oscar Wilde

In Sachen Software führte Android dazu, dass jeder der aufstrebenden chinesischen Smartphone-Hersteller sein eigenes "Betriebssystem" entwerfen konnte: Flyme OS von Meizu, Color OS von OnePlus One, MIUI von Xiaomi oder ein CoolLife UI von Coolpad. Auch bei der Software haben sich die chinesischen Smartphone-Bauer ihre Anerkennung für Samsung und Apple durchblicken lassen. Um das festzustellen, muss man kein Genie sein. Das entdeckt ein halbwegs versierter Smartphone-Nutzer sofort.

Der Preis

Bei Design, Haptik, Software und UI kopiert man also die Erfolge von Samsung und Apple. Aber beim Preis wird nicht nach diesem Prinzip verfahren. Denn ein Smartphone, das nicht nur wie ein iPhone aussieht, sondern auch noch so viel kostet, würde sich kein normaler Arbeiter leisten können. Es ist also kein Wunder, dass Smartphones mit der Ausstattung von Top-Smartphones, wie das erst kürzlich vorgestellte Xiaomi Mi4 für 1.999 Yuan, umgerechnet knapp 240,- Euro, in China so günstig sind. Auch ein Oppo Find 7 oder das von uns angetestete OnePlus One liegen in der Preisspanne um die 2.000 Yuan. Apple verkauft das iPhone 5c für stolze 4.088 Yuan in China. So viel verdient der Durchschnitt der Chinesen gerade mal im Monat. Zum Vergleich: In Deutschland müssten Apple-Fans dann rund 2900 Euro für ein iPhone hinblättern.

Wie bleibt bei diesen Preisen aber noch ein Gewinn übrig? Eine heikle Frage. Ich werde mal versuchen, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen. Auch wenn man sicher das Geschäftsgebaren der chinesischen Großindustrie nie wirklich aufklären wird können. Eigentlich wird der Großteil der Smartphones in China produziert. Der bekannteste Produzent in China für Smartphones und IT-Komponenten ist Foxconn. In den Werken werden neben den iPhones auch für Nokia, Motorola, Acer, Sony und weitere namhafte Hersteller gefertigt. Und wo lässt Xiaomi herstellen? Jawohl: bei Foxconn. Offiziell heißt es, dass Xiaomi seine Produkte gerne für einen Produktzyklus von 18 Monaten ausgelegt hat, sehr viel auch an Zubehör verkauft und dann noch Profit aus dem aus Content wie MI Market und den Theme Store generiert. Für mich stellt sich die Frage, ob das alles ausreicht, um für den kometenhaften Aufstieg der chinesischen Newcomer zu erklären. Oder gibt es vielleicht noch andere Hebel und Mechanismen, die im Hintergrund greifen?

Mögliche weitere Erfolgsrezepte: 关系

In einem kommunistisch geführtem Land kann ein Erfolgsrezept auch in der Unterstützung durch die Partei liegen. Die Politik kann in China den Aufstieg und Fall eines Unternehmens maßgeblich beeinflussen - vor allem, wenn man den Binnenmarkt vor ausländischen Firmen schützen möchte. Sei es mit finanziellen Mitteln oder mit Restriktionen gegenüber den Ausländern.

In der Automobilbranche wird das schon vorgemacht. Denn kein ausländischer Automobilhersteller darf im chinesischen Markt ohne ein Partnerunternehmen tätig werden und Autos verkaufen. Aus solchen Partnerschaften profitieren beide, denn die einen lernen, während die anderen den Absatz steigern.

Beziehungen helfen auch immer in China, um wirtschaftlichen Erfolg zu haben. Besonders, wenn man Beziehung zu Offiziellen hegt und pflegt. Sicher führen die jeweiligen CEOs von Xiaomi, Meizu, Oppo und Co. dieses 关系 (chinesisch für "Beziehung") schon über Jahre zu wichtigen Parteifunktionären. Solche 关系 sind für einen Unternehmer die Grundlage. Ohne sie gibt es keine Aufträge, Förderungen oder weiterführenden Kontakte.

Sprung über die Landesgrenze

Allerdings denkt Xiaomi weiter. Ansonsten hätte Lei Jun nicht im September 2013 den hochrangigen Google-Mitarbeiter Hugo Barra zu Xiaomi locken können. Mit Barra als Vice President International bereitet  Xiaomi die Expansion in weitere Märkte wie Indien, Russland und auch den lateinamerikanischen Raum vor.

Hugo Barra wechselte im September 2013 von Google zu Xiaomi und packt sofort mit an

Dennoch sollten wir Meizu, Oppo, Coolpad und Co. nicht vernachlässigen. Oppo etabliert gerade mit OnePlus eine neue, beliebte Marke und mit dem One ein Smartphone, das bei den Tech-Liebhabern heiß begehrt ist. Auch das OnePlus One setzt auf die von Xiaomi vorexerzierter Masche: Bau ein tolles Smartphone, aber verlang nicht zu viel.

Lei Jun und Steve Wozniak

Es wird ein mordsmäßiger Konkurrenzkampf für Samsung, Apple und Microsoft. Der chinesische Drache ist erwacht und schickt sich an, die Welt zu erobern.

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