Rückläufige Android-Absätze? Kein Grund zur Panik!

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Android, Google I/O
Android, Google I/O(© 2014 CC: Flickr/nickmickolas)

Die globalen Verkäufe von Smartphones mit dem Android-OS sind erstmals seit sieben Jahren rückläufig, Apple hingegen hat im vierten Quartal vor allem mit dem iPhone 6 rekordverdächtige Absatz- und Umsatzzahlen hingelegt. Und schon wird allerorts der Abgesang auf das mobile OS von Google eingeläutet. Grundlos, denn es sind weiterhin keine frustrierenden Zeiten, Android-Fan zu sein. Ganz im Gegenteil.

Genau das postuliert nämlich der Business Insider und mein geschätzter Kollege Nils Jacobsen interpretiert diesen dramatischen Auszug aus einer insgesamt recht pathetischen Wirtschaftsanalyse — Apple sei nun eine existenzielle Bedrohung für Android, heißt es schon in der Überschrift — in seinem gestrigen Stück zur vermeintlichen Krise des Google OS und den gigantischen Gewinnen, die Apple in Q4 eingefahren hat, als "Abwatschen" des Google OS.

Richtig, BI watscht ab — aber wen denn da bitte und warum? Warum sind es denn frustrierende Zeiten für Android-Fans, wenn sich in einem Quartal erstmalig weltweit weniger Geräte mit dem OS verkaufen als zuvor? Was genau ist daran frustrierend, zumal für mich und uns Nutzer des Google OS? Mag sein, dass bei Google die Alarmglocken derzeit ein wenig läuten, aber selbst das bestimmt nicht besonders laut.

Ein iPhone 6-Quartal macht noch keinen Android-Winter

Keine Frage, das iPhone 6 hat Apple fantastische Umsätze beschert, an den 93 Prozent aller Gewinne der Smartphone-Branche bei nur 20 Prozent Anteil an allen verkauften Geräten gibt es nichts zu rütteln — und wohl auch wenig Vergleichbares zu finden. Aber wie seltsam der Vergleich an dieser Stelle mit Android und die Schlussfolgerungen daraus:

Wir sprechen von einem einzigen Quartal, und zwar jenem, in dem Apple sein erstes brandneues Top-Gerät seit zwei Jahren vorgestellt und in den Handel gebracht hat; alles andere als immense Verkaufszahlen wäre da wohl für Apple frustrierend gewesen. Wir sprechen von einem Quartal, in dem es aus dem Android-Lager schlicht kein neues Killer-Smartphone gab: LGs G3, Samsungs Galaxy S5, HTCs One M8 — die alle erschienen früher im Jahr und sind vergleichsweise marginale Optimierungen der Vorjahres-Geräte gewesen. Nexus 6, Galaxy Note 4 und das Sony Xperia Z3, die in Q3 und Q4 erschienen, sind in ihrer Anlage schlicht nicht als Verkaufsschlager konzipiert. Apple hat also wahnsinnig viele Exemplare eines Gerätes abgesetzt, auf das seine Fans seit zwei Jahren gewartet haben, das im Kosmos Cupertinos neue Maßstäbe gesetzt hat und endlich viele Features, die unter Android längst gang und gäbe sind, auch auf die iOS-Smartphones brachte. Das iPhone 6 ist nach dem ersten iPhone Apples vielleicht bestes und wichtigstes Modell — Glückwunsch nach Cupertino, auch dafür, dass sich dieses fantastisch verkauft.

Noch im ersten Quartal 2014 sah es anders aus: Da hatte Apple nichts im Portfolio außer dem alten iPhone 5 sowie dessen S- und C-Varianten und machte mit 15,5 Prozent Marktanteil lediglich 65 Prozent der gesamten Smartphone-Umsätze. Das ist zwar immer noch beeindruckend, relativiert aber Einiges: Ohne neues, tolles Produkt schafft auch Apple es nicht, den Markt derart zu dominieren.

Apple und Birnen: iPhone vs. Android

Apple und das iPhone mit Google und Android auf allen erdenklichen Ebenen zu vergleichen, erfreut sich in sämtlichen Lagern größter Beliebtheit. Auch ich nehme mich da nicht aus. Allerdings hinken diese Gegenüberstellungen allzu oft; im aktuellen Fall besonders deutlich: Apple verkaufte im vierten Quartal 2014 also 20 Prozent aller Smartphones weltweit — das ist beachtlich, aber nicht dramatisch. Google verkauft Android zwar nicht direkt, aber die Summe aller Hersteller, die auf das mobile OS setzen, haben im gleichen Zeitraum weltweit fünf Prozent beziehungsweise 12 Millionen Geräte weniger abgesetzt als im Quartal zuvor. 12 Millionen, weltweit ... peanuts möchte man fast sagen; wenigstens ist daran aber nichts Frustrierendes oder existenziell Bedrohliches zu erkennen.

Dass Apple mit seinen Produkten deutlich mehr Geld verdient als die gesamte Android-Armada ist aus Sicht der letzteren zwar bedauerlich, war aber auch schon immer systemimmanent: Bei Apple kommt von der Hardware über die Software bis hin zum Vertrieb alles aus einer Hand, am Android-Kuchen nagen hingegen neben Google und den Geräte-Herstellern noch Provider, Groß- und Zwischenhändler sowie der grundsätzliche Konkurrenz- und Preiskampf beim Endkunden. Apples iPhone-Umsätze mit den Absätzen von Android-Geräten zu vergleichen, hinkt darüber hinaus an so vielen weiteren Stellen: Android-Geräte bedienen oftmals ein ganz anderes Preissegment, sie werden in Teilen der Welt verkauft, die für Apple quasi weiße Flecken auf dem Globus sind, sie sind auf zig hundert Hersteller verteilt ... ja, möglicherweise sind zahlreiche potenzielle Android-Käufer zum iPhone 6 abgewandert, möglicherweise stagnieren aber auch "nur" die Verkäufe in Indien oder Afrika.

Ist das frustrierend? Nicht für Android-Fans

Warum sollten diese Gegebenheiten oder die Entwicklungen des vierten Quartals also für Android-Fans frustrierend sein? Android ist weiterhin ein tolles mobiles OS, das je nach Anschauung mehr Features und Freiheiten bietet als iOS, das mit der Version 5.0 Lollipop endlich so richtig erwachsen geworden ist, das von Version zu Version besser aussieht, das in den nächsten Wochen auf dem MWC und um diesen herum mit dem Samsung Galaxy S6, dem HTC One M9, spannenden, guten und dennoch günstigen Geräten von Huawei und Honor, Xiaomi, OnePlus, Meizu oder selbst so exotischen Boliden wie dem Saygus V2 ergänzt werden wird.

Ich als Android-Fan und langjähriger -Nutzer jedenfalls messe meine Begeisterung für das mobile OS nicht an dessen weltweiten Absätzen und schon gar nicht am Profit, den das oder die dahinterstehenden Unternehmen damit einfährt. Es mag sein, dass sich im Lager der Apple-Fans (und -Aktionäre) diese kapitalistische Sicht auf die Dinge inzwischen breitgemacht hat, Android-Nutzer hegen aber traditionell keine religiöse Verbundenheit zu Google oder Samsung oder HTC oder Xiaomi, sondern schätzen die Diversität der vorhanden Angebote. Mir jedenfalls ist es in dieser Hinischt reichlich schnuppe, ob Samsung Miese macht, HTC rote Zahlen schreibe oder Xiamoi gerade ganz Asien kauft.

"Android ist für alle anderen — die Armen, die Arbeiterklasse, die gewöhnlichen Leute." - Business Insider

Ja, Android-Nutzer schätzen auch die teilweise günstigen Preise für Smartphones und das interpretiert mancher Apple-Jümger dann gerne als knausrig oder gar bedürftig. Um nochmals den Kollegen Jacobsen zu zitieren: "Wer die finanziellen Mittel dazu hat, träumt diesen Traum bevorzugt in Cupertinos iOS–Kosmos...". Der Business Insider kommentiert reichlich chauvinistisch: "Android ist für alle anderen — die Armen, die Arbeiterklasse, die gewöhnlichen Leute." Beide Aussagen legen meiner Auffassung nach offen, wie sehr das iPhone für viele Fans mehr Statussysmbol denn Alltagsgerät ist und warum Apple seine in Anbetracht der verbauten Technik sehr hohen Preise verlangen kann, die mit Grund für die sagenhaften Umsatzzahlen sind.

Ob ich und die Milliarden Android-Nutzer da draußen nun ein iPhone bezahlen könnten oder uns dies ob unserer bescheidenen finanziellen Mittel verwehrt bleibt — ich für meinen Teil möchte keines, auch nicht, wenn es nur fünf Euro kosten würde (kurioserweise würden dann die meisten Apple-Fans wohl auch keins mehr wollen). Ich mag das Android-OS in all seinen Facetten, ich mag dessen Möglichkeiten und die vielen Geräte, aus denen ich wählen kann. Ich freue mich auf künftige Versionen des Betriebssystems und auf das Galaxy S6 (auch wenn ich oft genug über Samsung schimpfe und mir das Gerät unter Umständen gar nicht werde leisten können!) und das HTC One M9 (auch wenn HTCs Zahlen alles andere als Apple-mäßig toll sind). Ich freue mich auf einen spannendes Android-Jahr und in Kürze auf den MWC 2015 — ganz ohne Apple.

Ich bin nicht frustriert, im Gegenteil.


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