iPhone SE im ausführlichen Test: das große Kleine

Nach intensiver Nutzung steht fest: Ich wechsle dauerhaft zum iPhone SE. Warum, das erfahrt Ihr im ausführlichen Test.

Was muss ein Smartphone können, um nicht nur im Alltag aus Mails, Chats, Instagram und Telefonaten zu bestehen, sondern wirklich zu punkten? “Akku”, würden die einen sagen. “Eine gute Kamera”, die anderen. Oder vielleicht auch: “schnelle Hardware”. Ich hatte die Möglichkeit, in den vergangenen Tagen das iPhone SE ausführlich zu testen. Vorab war ich, wie unsere Community, zwiegespalten. Diese konnte, nachdem das Hands-on online ging, nicht entscheiden, ob das Smartphone nun ein “Her damit” oder ein “Weg damit” verdient hat. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Tests steht es bei 315 “Her damit” vs. 247 “Weg damit”. Dass das Gerät derart spaltet, war abzusehen: Es wirkt wie ein Rückschritt, ist aber zu sehr großen Teilen Stand der Technik. Es sieht nur nicht danach aus. Und damit erinnert es mich ungewöhnlicherweise an das LG G4, das als es damals in der Redaktion eintraf, erst einmal nicht überraschte, sich dann aber ganz schnell als Top-Smartphone 2015 entpuppte.

Look & Feel: handlich und leicht

Bevor ich darauf eingehe, was das iPhone SE für mich, und ich bin selbst überrascht, zu einem Top-Smartphone macht, erst einmal ein paar harte Fakten: Das SE ist genauso handlich wie seine optischen Vorgänger, das iPhone 5 bzw. 5s. Schließlich verfügt es auch über dieselben Maße und dasselbe Gewicht sowie dasselbe Aussehen – von der neuen Roségold-Variante einmal abgesehen – wie die 5er-Generation. Weil es durchaus Leser gibt, die erst seit dem iPhone 6 mit Apple in Berührung gekommen sind, hier noch einige Anmerkungen zum Look & Feel: Ich habe mit meinem 1,85 Metern keine riesigen Hände. Sie sind aber auch nicht so klein wie die von Donald Trump.

Weil das SE kleiner ist als die aktuellen Top-Modelle von Apple liegt es besser in meiner Hand. Dazu tragen auch die nicht abgerundeten Kanten bei. Nun ist das Smartphone mit 7,6 Millimetern weitaus dicker als das iPhone 6s mit 6,9 Millimetern. Allerdings wirkt es als Mini-Smartphone noch längst nicht so pummelig wie das Xperia Z5 compact mit seinen 8,9 Millimetern. Durch die kantigere Bauweise erscheint es zudem recht robust. Ein Eindruck, den etliche Härtetests, die dem Smartphone mit Feuer, Wasser und Werkzeug zu Leibe rücken, untermauern. Das dickere Gehäuse hat zudem einen Vorteil: Die Kamera steht nicht mehr hervor. Und mit 113 Gramm ist es erheblich leichter als das iPhone 6s mit 143 Gramm.

Und dennoch braucht sich die Hardware im iPhone SE nicht vor den aktuellen, “großen” Brüdern verstecken: Es arbeiten derselbe A9-Chipsatz mit dem M9-Coprozessor, zwei Gigabyte RAM sowie die gleiche Rückkamera mit zwölf Megapixeln wie im iPhone 6s. Das Display verfügt über dieselbe Pixeldichte wie die Großen, was allerdings bei einer kleineren Gesamtauflösung dazu führt, dass die ohnehin schnelle Hardware weniger Bildpunkte mit Daten versorgen muss. Wozu das führt, ist klar: Der Chipsatz verbraucht weniger Energie.

Der Akku ist das absolute Killerfeature

Damit sind wir schon beim absoluten Killerfeature für mich angekommen: der Akku, genauer das Energiemanagement. So unsexy das klingen mag, so genial ist das im Alltag. Abends um 19 Uhr voll aufgeladen hat das SE am nächsten Nachmittag nach 14 Stunden im Standby und über eine Stunde in Benutzung noch 92 Prozent Akku. 92 Prozent! Stand aktuell: Am Sonntag um 19 Uhr voll aufgeladen, ist die Batterie am späten Dienstagnachmittag immer noch zu 50 Prozent voll. Ohne Stromsparmodus, niedrige Displayhelligkeit oder Sonstiges, dafür mit einem iOS-Update, Instagram, kurzen Zock-Sessions, Lesen im Netz, Dauerbenutzung beim Videodreh, YouTube-Clips schauen und Spotify. Das entlockt mir dann doch ein lautes “What the fuck?!!!” Wo mein iPhone 6s jeden Abend an die Steckdose muss, um am nächsten Vormittag nicht den Geist aufzugeben, da läuft und läuft und läuft das SE weiter. Vier Tage sind da problemlos drin. Wir spielten in der Redaktion sogar spaßeshalber mit dem Gedanken, einen Ratgeber zu schreiben, wie man den Akku schneller leerbekommt – während man sonst ja eher dazu rät, wie der Akku länger durchhält. Ein gutes Beispiel dafür, dass es nicht auf die physische Größe des Akkus kommt.

Das Schöne: Die Laufzeit geht nicht auf Kosten der Rechenleistung. Mit 2538 Punkten im Single-Core und 4418 Punkten im Multicore bei Geekbench ist das SE bis auf wenige Punkte annähernd so schnell wie das Flaggschiff iPhone 6s. Das macht sich auch in der Praxis bemerkbar: Durch den ebenfalls verbauten Co-Prozessor M9 startet “Hey Siri” genauso schnell. Auch Apps laufen ohne Probleme, und alle System-Apps sowie die Kamera launchen unmittelbar. Spürbar warm wird es bei Belastung dennoch nicht. So ist es den Ingenieuren in Cupertino tatsächlich gelungen, das Herzstück des iPhone 6s, den schnellen A9-Chipsatz, ohne Einbußen im kleinen SE zu verbauen. Chapeau!

Wermutstropfen Display

Nochmal zur Verdeutlichung: Die extrem gute Akkulaufzeit und gute Rechenleistung erreicht das SE vor allem dadurch, dass die Hardware “nur” ein Vier-Zoll-Display mit Daten versorgen und beleuchten muss. Und damit sind wir auch schon beim größten Nachteil gegenüber dem iPhone 6s bzw. iPhone 6s Plus angekommen: das Display. Es ist zweifelsohne ein gutes Display mit hoher Blickwinkelstabilität und guter Farbdarstellung. Doch gerade an diesem Punkt merkt man, wie stark sich Bildschirme in den vergangenen Jahren weiterentwickelt haben. Das Panel im 6s ist trotz identischer Pixeldichte deutlich brillanter. Auch sind die aktuellen Displays bei starker Sonneneinstrahlung besser abzulesen. Versteht mich nicht falsch: Der Bildschirm im SE ist nicht schlecht, aber wie Apple die Nutzer spätestens mit der Einführung von Retina-Displays “versaut” hatte für alles niedriger Aufgelöste, so verhält es sich auch mit der Displayqualität insgesamt. Spürbare Unterschiede gab es so für mich auch in einer weiteren Paradedisziplin der iPhones: Fotos.

Ich schreibe ganz bewusst Fotos und meine damit nicht die Kamera. Die steht nicht nur nicht mehr hervor, sondern auch der des iPhone 6s in nichts nach. Ihr schießt damit genauso gute Bilder, nehmt Videos in Zeitlupe und mit 4K (4K-Auflösung bei 30 fps, 1080p mit 30 fps oder 60 fps, Zeitlupenvideos in 1080p mit 120 fps oder 720p mit 240 fps) auf. Der Haken: Ihr seht es nicht so gut. Persönlich habe ich große Freude an der Smartphone-Fotografie, wie man auch meinem Instagram-Account entnehmen kann.

Schießt man nun, nach gut einem halben Jahr mit dem iPhone 6s und davor einem Jahr mit dem iPhone 6, wieder Fotos auf einem Smartphone mit Vier-Zoll-Display, vermisst man schnell den größeren Sucher. Ja, das ist zweifelsfrei ein Luxusproblem, aber dennoch: Mit dem größeren iPhone macht es weitaus mehr Spaß Bilder zu schießen – auch wenn das Ergebnis auf dem kleinen identisch ist. Und auch beim Medienkonsum, dem Lesen von Artikeln und Anschauen von Videos, gibt es auf einem größeren Display verständlicherweise mehr zu sehen.

Kein Selfie-Smartphone

Überhaupt nicht fehlt mir 3D Touch. Im Gegenteil: Etwa bei Instagram und auch bei den Live Photos startet Ihr die Wiedergabe durch längeres Drücken. Persönlich finde ich das angenehmer, etwas länger auf ein Display zu drücken, als fest darauf zu pressen. Es mag faul klingen, aber ich möchte bei der Bedienung von Technik keine Kraft aufwenden, auch nicht mit den Fingern. Immerhin wurde doch Multitouch-Display aus eben jenem Grund eingeführt: um nicht mehr Tasten drücken zu müssen.

Was mich ein wenig stutzig macht, ist die Selfie-Kamera. Sie löst nicht mit den fünf Megapixeln des iPhone 6s auf, sondern ist mit 1,2 Megapixeln auf 5s-Niveau. Warum? Sparte man ausgerechnet diese Komponente ein, um in den USA unter der 400-Dollar-Grenze zu bleiben? Wir werden es wohl nie erfahren. Aber zumindest den Jüngeren unter unseren Lesern dürfte das für Selfies nicht reichen.

Warum das iPhone SE so polarisiert

Völlig zu vernachlässigen ist meiner Meinung nach hingegen die Kritik an Touch ID. Apple verbaut hier die erste Generation, die minimalst langsamer ist als im iPhone 6s. Ja, es handelt sich nicht um das aktuellste Bauteil, aber sind diese Millisekunden tatsächlich kaufentscheidend? Wohl kaum.

Halten wir also fest: Das iPhone SE hat eine Top-Kamera, schnelle Hardware und einen Akku zum Niederknien. Was will man mehr? Beziehungsweise: Warum spaltet es derart die Gemüter? Um diese Frage zu beantworten, braucht es nur zwei Wörter bzw. einen Namen: Steve Jobs. Eben jener würde sich angesichts eines solchen Rückschritts im Grabe umdrehen, schreiben viele Kritiker unter den News zu diesem Produkt. Würde er? Tatsächlich war Jobs lange Zeit ein Verfechter kleiner Displays, da diese sich ja einfacher mit einer Hand bedienen lassen. Und tatsächlich kann ich auf dem kleinen Bildschirm schneller tippen. Ob das daran liegt, dass sich meine Hand immer noch nicht an größere Displays gewöhnt hat, kann ich nicht beantworten.

"Gib dem Markt, was er verlangt"

Aber vor allem Jobs-typisch war, war die Einfachheit. Es gab “das” eine iPhone. Nun haben wir es neben dem iPhone 6s und dem iPhone 6s Plus mit einem dritten Apple-Smartphone zu tun – zusätzlich zur immer noch verfügbaren 6er-Generation. Der Grund: Tim Cook ist nicht Steve Jobs. Und das ist nicht als Kritik gemeint. Jobs war ein Visionär, aber Cook schon immer der begnadete Geschäftsmann. Und als dieser weiß er: Im Jahre 2016 ist Apple mehr denn je ein iPhone-Konzern. 68 Prozent des Umsatzes stammen aus iPhone-Erlösen. Da ist es nur logisch, die Produktpalette zu diversifizieren. Vor allem, wenn 30 Millionen verkaufte iPhones in 2015 immer noch Vier-Zoll-Geräte waren. So mangelt es Apple meiner Meinung nach mit diesem Schritt nicht an Innovation. Die muss Apple wieder mit dem iPhone 7 unter Beweis stellen. Vielmehr ist es einmal mehr die Entscheidung Apples, dem Markt das zu geben, das er verlangt – während Jobs allzu oft die Meinung vertrat, das die Leute noch gar nicht wissen, ob sie etwas wollen, wenn sie es noch nicht kennen.

Vielleicht noch wichtiger für Apple ist das SE aber als Einsteiger-Smartphone. Bislang mussten dafür ältere Modelle, die im Laufe der Zeit günstiger wurden, herhalten. Das Problem: Es handelt sich nunmal um alte Technik. Nicht die beste Strategie also, um Neukunden dauerhaft zum Wechsel von Android zu Apple zu überreden, oder? Und so ist das SE das günstigste iPhone, das es jemals gab. Zwar ist die 16-GB-Variante hierzulande nicht für 399 Dollar direkt in Euro umgerechnet erhältlich, allerdings ist es mit 489 Euro immer noch mehr als 110 Euro günstiger als das iPhone 5c es damals war. Der Unterschied zum iPhone 6s ist noch größer: 744,95 Euro kostet das 16-GB-Modell.

Fazit: Was will man mehr?

Ausgerechnet mit dem Kniff, aktuelle Hardware in ein kleines Gehäuse mit kleinem Bildschirm zu stopfen, hat Apple einer der größten Kritikpunkte an den iPhones ausgemerzt: die Akkulaufzeit. Die ist für mich als jemand, der durch seinen Beruf überdurchschnittlich viel mit dem Smartphone zugange ist und auf Reisen nicht immer sofort eine Steckdose in der Nähe hat, enorm wichtig. Dazu gibt es noch eine Kamera, die der im iPhone 6s in nichts nachsteht. Mini-Abzüge gibt es für die Mini-Auflösung der Selfie-Kamera im Mini-iPhone. Wäre ich zehn Jahre jünger, würde mich das vermutlich mehr stören. Zocken und Videos machen auf einem größeren Display allerdings mehr Spaß. Davon einmal abgesehen ist das iPhone SE eine gelungene Abwechslung im Smartphone-Zirkus: Stehen Mini-Smartphones sonst für Mini-Ausstattung, ist das neue Apple-Handy schnell und handlich obendrein. Was will man mehr?


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