Huawei P9 im Test: das Leica-Phone mit der Immerscharf-Kamera

Erinnert Ihr Euch an Sonys Ankündigung, dass Dual-Kameras demnächst der neue Standard in der Smartphone-Fotografie werden? Sony ist bekanntlich einer der größten Hersteller von Smartphone-Kameras. Für das P9 hat sich Huawei allerdings mit dem deutschen Traditionsunternehmen Leica zusammengetan. Das Ergebnis ist beeindruckend. Der Test.

Sagt Euch die Lytro-Kamera noch was? 2012, das ist lange her, da wirbelte sie die Welt der Fotografie auf. Bei ihren Fotos musste man beim Druck auf den Auslöser nicht darauf achten, ob das Motiv scharfgestellt ist, da man den Fokuspunkt nachträglich verändern kann. In den vergangenen vier Jahren ist der Effekt auch bei Smartphones angekommen. Samsung baut ihn seit dem Galaxy S5 in seine Kamera-App ein, das HTC One M8 verfügte extra über eine zweite Linse und mit der Kamera-App von Google beherrscht eigentlich jedes Smartphone des Fokuseffekt - sofern Ihr es bei der Aufnahme richtig bewegt. Aber mal ehrlich: Wirklich gelungen und ausgereift war das technisch bislang nicht. Es war eine Spielerei. Huawei setzt nun beim P9 auf die Kraft der zwei Linsen und hat sich dafür sogar Hilfe von Leica geholt, dem Spezialisten aus Deutschland für hochwertige Kameratechnik mit über 100 Jahren Erfahrung.

Huawei kooperiert mit Leica, und das Ergebnis ist wunderbar

Ich war damals sehr angetan von der Lytro, verlor aber schnell das Interesse. Der Effekt war zwar cool, aber in der Praxis kaum zu gebrauchen. Die verbesserte Lytro Illum schaffte es nicht, das Feuer für die sogenannte Lichtfeldfotografie neu zu entfachen. Umso glücklicher war ich, als ich auf dem Nexus 4 ziemlich früh in den Genuss des Fokuseffekts der Google Kamera kam. Wirklich genutzt habe ich die Funktion aber nur selten, da sie sich durch die nötige Bewegung des Smartphones nur für wenige Motive anbot. Mit dem Huawei P9 wird der Effekt enorm alltagstauglicher.

Wieso? Und wie funktioniert das Ganze? Nun, ich kann mit den zwei, bzw. einer der zwei Kameras auf der Rückseite des Huawei P9 ganz normale Fotos schießen. Schon hier zahlt sich die Kooperation des Smartphone-Herstellers mit Kamera-Urgestein Leica aus. In Sachen Bildqualität gefallen mir die Aufnahmen mit zwölf Megapixeln sehr gut. Sie gehören, was Detailgenauigkeit, Farbsättigung und Kontrast angeht, zu den besten Fotos, die Smartphones derzeit schießen können. Für die Spitzenposition reicht es aber nicht ganz. Die teilen immer noch Samsung, LG und Apple unter sich auf. Nachts und bei Aufnahmen bei schlechtem Licht bleibt zwar ein Bildrauschen nicht aus, aber trotzdem sind noch viele Details zu erkennen. Es ist beeindruckend, wie farbecht die Aufnahmen sind und wie viel selbst in vermeintlich dunklen Bereichen noch zu erkennen ist.

Zwei Kameras für einen besonderen Aufnahmemodus

In der Kamera-App versteckt sich aber noch ein besonderer Aufnahmemodus, der Eure Fotos nicht nur mit Tiefenschärfe versieht, sondern Euch diese im Nachhinein auch noch verändern lässt. Anders formuliert: Ihr könnt eine Aufnahme erstellen, aber daraus theoretisch Dutzende unterschiedlicher Fotos erzeugen. Das klappt denkbar einfach: Tippt Ihr im Bearbeitungsmodus einen Punkt auf dem Display an, stellt die App das Foto auf diesen scharf. Zusätzlich erscheint aber noch ein Schieberegler, über den Ihr Blenden von f/0.95 bis f/16 auswählen könnt. Mit diesem sorgt Ihr dafür, dass der Hintergrund entweder ganz verschwommen bis knackscharf ausschaut. Das Ergebnis könnt Ihr dann abspeichern und etwa in den Social Networks teilen

Damit die zwei Kameras überhaupt die nötigen Bildinformationen einfangen können, muss sich ein Objekt im Vordergrund des Motivs befinden - idealerweise im Abstand von etwa zwei Metern vor der Linse. Ohne eine Person oder einen Gegenstand im Vordergrund bleiben nicht nur Tiefenschärfe und Fokuseffekt aus, es drohen auch kleine Fehler im Bild. Denn die Software sucht verzweifelt nach Bereichen, die sie unscharf machen kann. Bei aller Begeisterung: Nicht immer ist das Ergebnis perfekt .Mir ist aufgefallen, dass die Software nicht jedes Motiv perfekt erkennt und so zum Beispiel Unschärfe an Stellen produziert, wo sie nicht hingehört. Am besten gelang dies bei Objekten mit klaren Ecken und Kanten. Hier besteht eindeutig noch Verbesserungspotenzial bei der Software.

Die Frontkamera des P9 schießt darüber hinaus Fotos mit einer Auflösung von acht Megapixeln. Die Detailgenauigkeit und Schärfe sind für Selfies sehr gut, allerdings könnten für meinen Geschmack die Farben noch etwas kräftiger sein. Knipst Ihr häufiger Selfies im Dunkeln oder bei schlechter Beleuchtung, dürfte es Euch freuen zu hören, dass beim P9 das Display als Blitzlicht komplett weiß aufleuchtet. Selbst bei einer Armlänge Abstand sorgt diese Lichtquelle dafür, dass Euer Gesicht gut zu erkennen ist.

Hardware: schnell, aber nicht Spitzenklasse

Aber auch jenseits der Kamera kann sich das Huawei P9 sehen lassen. Es reicht zwar nicht zu einem Podestplatz, aber in die Spitzengruppe der Smartphones gehört es auf jeden Fall. Das Design ist schön dezent und gefällt mit Metallrahmen und runden Kanten, die sich in die Hand schmiegen. Die Verarbeitung ist sehr ordentlich. Auch an der Qualität der 5,2 Zoll großen Full-HD-Displays gibt es nichts auszusetzen: Detailgenauigkeit, Farbe, Helligkeit und Stabilität liegen alle im grünen Bereich.

Angetrieben wird das Huawei P9  vom Kirin 955, dessen acht Rechenkerne je zur Hälfte mit 1,8 und 2,5 Gigahertz getaktet sind, sowie dem Mali-T880-Grafikchip. Im Antutu Benchmark erreichen sie zusammen mit dem drei Gigabyte großen Arbeitsspeicher rund 96.000 Punkte. Ein guter Wert, der aber deutlich hinter den Smartphones mit dem Snapdragon 820 wie dem LG G5 oder Xiaomi Mi5 bleibt. Im Geekbench 3 zeigen sich starke Unterschiede: Mit 1754 Punkten fällt der Single-Core-Test nur durchschnittlich aus. Dafür spielt das P9 beim Multi-Core-Test mit 6610 Punkten ganz oben mit. In der Praxis bedeuten diese Werte, dass Android und die Nutzeroberfläche flott laufen, die Ladezeiten der Apps kurz sind und sich Spiele wie Asphalt 8 problemlos in bester Grafikqualität spielen lassen.

Uncool: Vom 32 Gigabyte großen internen Speicher des P9 stehen nur rund 22 Gigabyte für Eure Daten zur Verfügung. Zehn Gigabyte belegter Speicherplatz sprechen nicht für einen sparsamen Datenverbrauch. Mit Ruhm bekleckert sich da Huawei nicht. Bei Bedarf könnt Ihr den Speicher mit einer microSD-Karte erweitern. Die schnelle Hardware fordert ihren Tribut und lässt den 3000-mAh-Akku im P9 einen Tag lang durchhalten. Geladen wird er über USB-C. Und mit dem sehr schnellen Fingerabdrucksensor auf der Rückseite entsperrt Ihr das Huawei-Smartphone nicht nur, sondern könnt durch Galerien navigieren, das Benachrichtigungsfeld öffnen oder ein Foto aufnehmen.

Ab Werk installiert Huawei Android 6.0 Marshmallow auf dem P9 und versieht das Betriebssystem mit seiner EMUI-Nutzeroberfläche. Bei dieser sind besonders die kleinen Tools auf dem Lockscreen, die Screenshot-Funktion für den kompletten Bildschirminhalt, die Sprach- und Bewegungssteuerung sowie die Erkennung des Fingerknochens ("Knuckle Sense"), die schon das Mate S und Mate beherrschen, erwähnenswert. Vor allem Letzteres mag merkwürdig klingen, gibt Euch aber noch eine weitere Eingabemöglichkeit für Eure Hand. So könnt Ihr zum Beispiel mit doppelten Knöcheltippen einen Screenshot aufnehmt, ein gezeichnetes C startet die Kamera.

Fazit: Mehr als ein Spielzeug für Fotografen

Design und Verarbeitung des Huawei P9 sind top. Für die Kamera-Technik mit Fokuseffekt und Tiefenschärfe hat Huawei ein großes Lob verdient. Die Software hat allerdings noch ein bisschen Verbesserungspotenzial. Für 569 Euro erhaltet Ihr zudem eine flotte Hardware und eine Android-Nutzeroberfläche mit vielen praktischen Funktionen.

Aber hat Huawei nicht schon ein Flaggschiff-Smartphone? Nein, es sind zwei: Das Mate S und das Mate 8. Das mag im ersten Moment verwirrend sein, aber mit der P- und der Mate-Serie fährt Huawei schon lange zweigleisig. Die P-Modelle sind dabei immer etwas kleiner - aktuell 5,2 gegen 5,5 und 6,0 Zoll - vom Design her etwas filigraner. Was die Hardware- und Software angeht, bewegen sich alle drei auf der Höhe ihrer Zeit. Mit dem nicht unwichtigen Unterschied, dass das P9 mit zwei Leica-Kameras lockt.


Weitere Artikel zum Thema
Galaxy S7 und S7 Edge: Nougat-Update direkt auf Android 7.1.1
Supergeil !5Nach der Beta könnten das Galaxy S7 und S7 Edge direkt das Update auf Android 7.1.1 Nougat erhalten
Das Galaxy S7 und S7 Edge könnten direkt Android 7.1.1 Nougat erhalten: Dies geht zumindest aus dem Screenshot eines Beta-Testers hervor.
Videos herun­ter­la­den in Chrome für Android: So funk­tio­niert's
Marco Engelien
Zum Herunterladen tippt Ihr in Chrome einfach auf den Pfeil.
Der Chrome-Browser für Android hat eine neue Funktion erhalten. Ab sofort könnt Ihr Webseiten und Videos offline speichern. So geht's.
Onli­ne­zwang für "Super Mario Run": Darum soll es keinen Offli­ne­mo­dus geben
Marco Engelien6
Weg damit !17"Super Mario Run" setzt eine aktive Internetverbindung voraus.
"Super Mario Run" unterwegs in der Bahn oder im Flugzeug zocken? Das wird wohl nichts. Das Spiel setzt brauchen eine aktive Internetverbindung voraus.