BlackBerry Passport: der QWERTZ-Quader im Test

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Ist das Passport die Rettung für BlackBerry?
Ist das Passport die Rettung für BlackBerry? (© 2014 CURVED)

Back to the Roots: BlackBerry besinnt sich seiner alten Stärken und zeigt, dass mit dem Passport Smartphones mit echter Volltastatur und ungewöhnlichem quadratischem Touchscreen noch lange nicht zum alten Eisen gehören. Ob diese beiden Merkmale schon ausreichen und welche versteckten Goodies BlackBerry in seinem neuen Smartphone versteckt hat, verrät der Test.

Vorbei sind die Zeiten, in denen BlackBerry seine eigenen Stärken verneinte und versuchte, Smartphones wie dem Z30 der Konkurrenz à la Apple iPhone 5s und Samsung Galaxy S4 nachzueifern. Mit einem weltweiten Marktanteil, der nicht einmal mehr einem Prozent entspricht, besinnt sich BlackBerry wieder alter Stärken und sorgte schon vor dem Marktstart des BlackBerry Passport, der unter dem Codenamen "Windermere" entwickelt wurde, schon für viel Aufsehen. Zum einen, weil der kanadische Hersteller beim Passport wieder mit einer physischen Tastatur auftrumpfen kann, und zum anderen wegen der ungewöhnlichen Abmessungen und seiner Form. Mit den Maßen von 128 x 90,3 entspricht das BlackBerry Passport fast den Abmessungen eines deutschen Reisepasses. Zuletzt versuchte LG, mit dem Optimus Vu ein Smartphone mit dieser Bauform auf dem Markt zu etablieren und scheiterte damit komplett.

So ungewöhnlich das Äußere des BlackBerry Passport auch sein mag, im Inneren geht es "gewöhnlich" zu. Der Vierkern-Prozessor von Qualcomm, ein Snapdragon 801, ist ein alter Bekannter, den auch Samsung im Galaxy S5 oder HTC im One M8 verbauen. Dieser Prozessor wird flankiert von 3 GB RAM und 32 GB internem Gerätespeicher. Zum Glück lässt sich der Speicher mit microSD-Karten um bis zu 128 GB erweitern. Natürlich beherrscht das Passport auch NFC, Bluetooth 4.0, WLAN nach 802.11 a/b/g/n/ac und LTE.

Falls ihr das BlackBerry Passport euch in Videoform genauer anschauen möchtet, dann könnt ihr hier an dieser Stelle das Hands-On-Video anschauen:

Design und Verarbeitung: Quadratisch, praktisch und gut?

Nimmt man das Passport in die Hand, dann fällt sofort einem das Gewicht auf. 195 Gramm ist schon gewaltig, vor allem wenn man sich vor Augen führt, dass das Nexus 6 trotz seiner Größe nur 184 Gramm wiegt. Ähnlich wie beim Nexus 6 verfügt das BlackBerry Passport über eine sehr gute Verarbeitung. Hier sitzt alles perfekt und es knarzt und knirscht nichts am Flaggschiff.

Ein Rahmen aus rostfreiem Edelstahl sorgt für Stabilität und hochwertige Anmutung. Die Rückseite besteht zwar aus Kunststoff, ist aber mit einer angenehmen Gummierung versehen. Diese Beschichtung sorgt dafür, dass das Passport griffig ist. Das ist auch notwendig, da das Passport nicht mit einer Hand zu bedienen ist und die Tastatur so weit unten platziert wurde, dass es schnell aus den Händen fallen kann.

Der obere Teil der Rückseite lässt sich öffnen, denn dort werden die SIM-Karte und die Speichererweiterung in microSD-Form eingelegt. Ein Wechselakku hat BlackBerry beim Passport nicht eingebaut. Der festinstallierte Akku mit einer Kapazität von 3.450 mAh ist sicher auch mit ein Grund für das hohe Gewicht des Smartphones.

Display: Ungewöhnliche Breite

Während die Tastatur schon auf den ersten Blick auffällt, erkennt man das ungewöhnliche Display des Passports erst auf den zweiten Blick. Das 4,5 Zoll-IPS-Display kommt im Smartphone-untypischen Seitenverhältnis von 1:1 daher und löst mit 1.440 x 1.440 Bildpunkten auf. Beides führt dann zur einer Pixeldichte, die mit 453 ppi das Passport ungefähr zwischen iPhone 6 Plus und Samsung Galaxy Note 4 platziert. Das Bild ist sehr scharf, einzelne Pixel kann man mit dem bloßen Auge nicht mehr erkennen. Auch aus unterschiedlichen Blickwinkeln bleibt das Display scharf und in der Farbwiedergabe natürlich.

Die ungewöhnliche Breite des Displays führt natürlich dazu, dass man mehr auf Webseiten, Dokumenten und Emails in der Breite darstellen und lesen kann. Allerdings müsst Ihr auch mehr scrollen, da in der Höhe viel verloren geht. Bei Videos und Bildern im Breitbildformat wie 16:9 gibt es zudem hässliche schwarze Balken oberhalb und unterhalb des Bildes.

Software: Mehr Apps für BlackBerry OS dank Amazon

BlackBerry setzt beim Passport das eigene BlackBerry OS 10 ein. Auf unserem Testgerät ist die Version 10.3 installiert. In dieser Version hat BlackBerry neben zahlreichen Verbesserungen unter der Haube auch neue Anwendungen und Funktionen implementiert. Auffälligste Neuerung ist der Zugriff auf den Amazon App-Shop. Dieser erweitert den Zugriff auf bis zu 200.000 Android-Apps. Laut BlackBerry wird auf dem Passport ein Kindle Fire-Tablet emuliert, die Apps laufen dann in dieser virtuellen Umgebung. Apps und Spiele aus dem Amazon Shop funktionieren einwandfrei, aber man merkt, dass die Ladezeiten durch den Emulator doch länger sind als gewöhnlich. Außerdem habt Ihr nicht den vollen Zugriff auf das Angebot. Zum Beispiel waren Sky Force 2014 und auch den AnTuTu Benchmark nicht verfügbar. Alternativ könnt Ihr auch APKs per Sideload in das BlackBerry OS 10.3 schleusen. Aber eine Garantie dafür, dass diese dann auch fehlerfrei laufen, ist das nicht.

BlackBerry Passport erhält nun mehr Apps dank Amazon App Shop(© 2014 CURVED)

Kamera: Zu langsam und zu schlecht

Die Blackberry-Smartphones waren nie bekannt für hervorragende Kameras. Aber wenn man sich die Specs des Passport anschaut, dann kann es in dieser Disziplin durchaus überzeugen. Die Hauptkamera schießt Fotos mit maximal 13 Megapixeln mit Autofokus, großer Blende (f/2.0), optischem Bildstabilisator und hellt Bilder mit einem LED-Blitz auf. Videos werden in Full-HD-Qualität mit 30 oder 60 Bildern pro Sekunde aufgezeichnet.

So viel zu den Specs. In der Realität sieht es anders aus. Der Autofokus der 13 Megapixel Kamera ist langsam. Ein Rauschen ist schon auf dem Display des BlackBerry Passports zu erkennen und wird bei Vergrößerung schlimmer. Die Farben wirken nicht naturgetreu. Um wenigstens einigermaßen ansehnliche Bilder zu erhalten, könnt Ihr die HDR-Funktion aktivieren. Die Frontkamera ist für BBM-Video-Chats ausreichend.

Sound und Akku: Erstaunlich gut!

Für einen exzellente Gesprächsqualität sorgen im BlackBerry Passport vier von außen gar nicht vollständig sichtbare Mikrofone. Zusätzlich hat BlackBerry eine eigene Akustik-Engine, die den Audio-Pegel dynamisch je nach Umgebungsgeräuschkulisse und nach Abstand des Handys zum Ohr anpasst. Bei meinen Telefonaten mit dem BlackBerry Passport attestierten meine Gesprächspartner dem kanadischem Smartphone immer hervorragende Sprachqualität. Für die Soundausgabe verfügt das Passport an der Unterseite über Stereo-Lautsprecher, die erstaunlich laut und klar klingen. Es fehlt den Lautsprechern, wie auch bei anderen Smartphones, trotzdem an Volumen.

Der 3.450 mAh starke Li-Ionen-Akku im BlackBerry Passport ist fest verbaut. Mit diesem soll das Smartphone laut BlackBerry bis zu 24 Stunden Gesprächszeit im UMTS-Netz, bis zu 91 Stunden Musikwiedergabe und satte 11 Stunden Videowiedergabe schaffen. In meinem Test mit einem Video in Dauerschleife war der Akku nach 5 Stunden bei 45 Prozent Restkapazität angekommen. Im normalen Gebrauch, also einigen Telefonaten, vielen Emails und Surfen im Netz sowie dem Ansehen von YouTube-Videos war der Ladezustand des Akkus nach einem Arbeitstag immer noch bei über 40 Prozent. Über Nacht müsste man das Passport also gar nicht an die Steckdose hängen.

Die Tastatur: ein gewöhnungsbedürftiges Sahnestück

Die Tastatur unter dem Bildschirm muss in diesem Test ein eigener Abschnitt gewidmet werden, denn sie ist auf ihre besondere Art genial. Im Vergleich mit der klassischen BlackBerry-Tastatur fällt auf, dass das Passport nur über drei Reihen verfügt und außerdem die Sonderzeichen und Ziffern fehlen. Stattdessen werden diese, wenn sie benötigt werden, als Bildschirmelement eingeblendet. Was aber nicht zusehen ist: Alle Tasten der Tastatur sind kapazitiv. Vereinfacht ausgedrückt: Die komplette Fläche der QWERTZ-Tastatur dient als Touchpad. Im Browser könnt Ihr so die Seiten durch Wischbewegungen durchscrollen oder aber beim Schreiben von Emails und Textnachrichten passende Wortvorschläge, das Löschen von Texten oder das punktgenaue Bewegen des Cursors auch durch einfaches Wischen über die Tastatur erledigen.

Mir persönlich gefiel das Scrollen mit der Tastatur durch Nachrichten oder Webseiten. Im Alltag war die Tastatur zu weit unten angebracht,  sodass man beide Hände spreizen musste, um das Passport beim Schreiben mit der Tastatur zu stabilisieren - auch, damit es nicht aus den Händen fällt.

Fazit

Mit dem Passport ist BlackBerry durchaus eine interessante Alternative zum iPhone 6, Galaxy S5 oder auch einem HTC One M8 gelungen. Vorausgesetzt Ihr nutzt Euer Smartphone hauptsächlich als Arbeitsgerät für Emails, Office-Dokumente oder zum Konsumieren von E-Books. Dann bringen die Extra-Breite beim Display und die kapazitive Hardware-Tastatur einen echten Mehrwert. Die hervorragende Akkuausdauer und eine spitzenmäßige Sprach- und Soundqualität sind weitere Pluspunkte, die das Passport auszeichnen und den Preis von knapp 600 Euro rechtfertigen.

Für die Anwender, die ihr Smartphone für Games, Videos und Fotos nutzen wollen, ist vom BlackBerry Passport abzuraten. Da sind ein LG G3, Galaxy S5, HTC One M8 oder ein iPhone 6 in allen Belangen besser. Ein Hingucker ist das Passport trotzdem. Aber ich wage zu bezweifeln, dass das ausreicht, um die kanadische Firma aus der Krise zu führen. Aber vielleicht sollte man sich genau deswegen ein Passport anschaffen - als eine Art Sammlerstück...


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