Die schleichende Android-Verbreitung: Warum Google handeln muss und kann

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iOS9 und Android 6.0 Marshmallow
iOS9 und Android 6.0 Marshmallow(© 2015 CURVED)

Die Aufregung war groß: Nachdem Google die Developer-Preview von Android N veröffentlicht hatte, stellte ich die Frage: Spielt das überhaupt eine Rolle angesichts der mikroskopischen Verbreitung von Android Marshmallow – rund ein halbes Jahr nach Release? Nun sind neue iOS-Zahlen veröffentlicht worden. Grund genug für ein Update – und eine Präzisierung.

Die neuen Zahlen sind raus: iOS 9 ist nun auf 79 Prozent der kompatiblen Geräte angekommen. Nach letzten Messungen waren es noch 77 Prozent. Damit steigt die Verbreitung nur noch gering, allerdings sind es im Vergleich zu Android Marshmallow astronomische Zahlen: 2,3 Prozent der kompatiblen Geräte hat die aktuelle Version installiert. Warum muss man diese Zahlen vergleichen?

Google hat zweifelsfrei ein Imageproblem, wenn es um Kompatibilität geht. Nach der News zum Release der Developer-Preview von Android N erreichten uns Kommentare und Mails von Lesern, die allesamt eines beklagten: Dass auf ihren Smartphones noch nicht einmal Android Marshmallow verfügbar sei, während Google bereits mit Entwicklern die nächste Version testen würde. Berechtigte Kritik, die konträr zu der Meinung einiger Kommentatoren unter dem zuletzt veröffentlichten Artikel geht.

Android hat längst nicht mehr die Top-Priorität, die es einmal hatte

Vergleiche ich tatsächlich Apple mit Birnen, wenn ich die Verbreitung von Android Marshmallow mit der von iOS 9 vergleiche? Schließlich baut Google ja keine Smartphones, oder? Warum so viele Nutzer scheinbar einem der größten IT-Konzerne der Welt mit Heerscharen an Entwicklern beispringen und Verständnis zeigen für einen Status quo, nach dem nur ein Bruchteil der Android-Geräte in Benutzung auch Zugriff auf das aktuellste und damit auch sicherste Android hat, erstaunt mich enorm. Für Google wäre es eine Frage der Priorisierung. Und die lässt mit Blick auf jüngste Entwicklungen nur einen Schluss zu: Android spielt im Alphabet-Kosmos nicht mehr die enorme Rolle, die wiederum Nutzer ihm zurechnen. Man konzentriert sich offenbar bei der anstehenden Google I/O lieber auf selbstfahrende Autos. Android N stellt man überraschenderweise nur als Preview fernab der I/O zur Verfügung. Warum Google nicht wie Apple Anstrengungen unternimmt, auch schnellstmöglich auf möglichst vielen Geräten sein neues OS zu verbreiten, leuchtet auch ein: Man verdient kein Geld damit. Das verdient Google nach wie vor zu großen Teilen mit Werbung, wofür wiederum kein aktuelles Betriebssystem auf möglichst vielen Devices vonnöten ist.

Warum der iOS-Vergleich?

Auch wenn genaue Mengenangaben nicht verfügbar sind, hier eine kleine Veranschaulichung, wie groß die Userbase ist, die Zugriff auf die aktuellste Version des Betriebssystems hat: 95 Prozent aller iOS-Geräte haben entweder iOS 8 oder iOS 9 installiert. Dabei spielt es keine Rolle, wo diese Geräte zum Einsatz kommen. Kompatibel mit iOS 9 sind: iPhone 4S, iPhone 5, iPhone 5c, iPhone 5s, iPhone 6, iPhone 6 Plus, iPhone 6s, iPhone 6s Plus, iPod touch 5. Generation, iPod touch 6. Generation, iPad 2 iPad mit Retina Display (also iPad 3 und iPad 4), iPad Air, iPad Air 2, iPad mini 1, iPad mini 2, iPad mini 3, iPad mini 4 und iPad Pro. Nicht kompatibel sind damit nur Geräte, die sechs Jahre oder älter sind. Im schnelllebigen Mobile-Segment sind sechs Jahre gefühlte drei Ewigkeiten.

Die meistverbreitete Android-Version ist hingegen KitKat, das im Oktober 2013 released wurde. Dann erst folgt Android 5.0 Lollipop. Spielt es dabei eine Rolle, dass Abermillionen von Android-Geräte zu absoluten Kleinstpreisen in Entwicklungsländern verscherbelt werden und man deswegen Verständnis haben muss, dass diese nicht mit der aktuellsten oder einer halbwegs aktuellen Android-Version laufen können? Eine Gegenfrage: Warum sollte man? Niemand muss ernsthaft im Jahr 2016 Verständnis dafür haben, dass weltweit immer noch 2,6 Prozent der Android-Smartphones mit Gingerbread laufen. Ihr wisst schon: Das Android-Betriebssystem aus dem Jahr 2010. Und nochmal zum Vergleich: Android Marshmallow läuft nur auf 2,3 Prozent aller Android-Smartphones. Das lief nach der Vorstellung im Oktober 2015, keine große Überraschung, zunächst nur auf Nexus-Smartphones. Und ein Leser merkte zurecht an: Auf Nexus-Smartphones ist die Verbreitung bestimmt bei knapp 100 Prozent. Davon ist auszugehen. Schließlich sind es vor allem Entwickler-Geräte, mit denen Developer ihre Apps und Dienste auf das nächste Google-OS abstimmen sollen. Den Löwenanteil bei den Otto-Normal-Androidnutzern machen allerdings Samsung-Geräte aus. Und hier mussten S6-Besitzer in Geduld üben. Seit Mitte Februar können sie Marshmallow herunterladen. Wer ein S5 besitzt, muss noch warten. Verbraucherschützer gingen sogar soweit und verklagten die Koreaner.

Google ist in der Position, das Problem nachhaltig anzugehen

Nur, damit wir uns nicht falsch verstehen: Google hat das Problem nicht geschaffen, daran tragen vor allem die Hersteller die Schuld. Aber dennoch ist Google ein Teil des Problems, schließlich...nun ja... entwickelt der Konzern Android. Und somit kann und muss Google auch ein elementarer Teil einer gangbaren Lösung sein. Schließlich dürfte die Art und Weise, wie viele Hersteller mit neuen Android-Versionen verfahren – sie offenbar komplett zu ignorieren – nicht glücklich sein.

Aber ist der Konzern machtlos? Mitnichten. Schon vor Jahren gab es Überlegungen, Android-Lizenzen mit einem Verfallsdatum zu versehen, das greift, wenn ein Hersteller nicht rechtzeitig eine neue Version für die Nutzer bereitstellt. Die Pläne scheinen eingestampft worden zu sein. Allerdings scheint sich Google zumindest der krassen Fragmentierung – von der Nutzer tatsächlich behaupteten, dass es sie nicht geben würde – anzunehmen.

Android-Fragmentierung (Stand: 2014)(© 2014 Open Signal)

Die Idee: ein zweigeteiltes Android. Demnach könnte Google sein Betriebssystem in einen vorderen und einen hinteren Bereich aufteilen. Damit ließe sich die Basis des OS mit einem Sicherheits-Update beliefern, ohne dass dieses von einem Hersteller oder Mobilfunkanbieter an das Gerät angepasst werden muss.

Ein zweigeteiltes Android wäre ein Anfang

Anschließend könnte ein Unternehmen, wie beispielsweise Samsung, seinerseits Updates für die Benutzeroberfläche ausrollen, ohne dass der hintere Bereich von Android N davon berührt wird. Auf diese Weise könnten beide Seiten Aktualisierungen bereitstellen, die bedeutend schneller auf den Smartphones und Tablets ankommen als bislang. Vor allem würde Geräte schneller sicherer gemacht. Denn darum geht es doch letzten Endes: Sicherheit. Wer seine Daten auf einem Gerät mit einem drei oder vier Jahre alten Betriebssystem speichert, kann sie auch gleich als Flugblatt aus dem Fenster werfen.

Die Lösung kann nur sein, die Verbreitung solcher sicherheitsrelevanter Updates auf einen ähnlichen Stand zu bringen, wie es Apple mit den Releases aktueller iOS-Versionen gelingt. Und dass Google als Entwickler von Android in der Pflicht ist, ein gangbares Regelwerk zu entwerfen, dass das ermöglicht, steht für mich außer Frage. Google müsste und könnte meiner Auffassung nach auch härter durchgreifen bzw. überhaupt einmal Härte zeigen, anstatt den Status quo mit einem möglicherweise zweigeteilten Android nur zu kompensieren. Denn hat die Implementierung alter Android-Versionen auf Geräten, die sich gerade im Verkauf befinden, keine Auswirkungen für die Hersteller, wird sich auch in Zukunft nichts ändern für Android-Nutzer, die viel Geld für ein aktuelles Smartphone investieren, das auch ein Jahr später noch nicht das aktuelle OS bekommt.

Geht es mir also darum, wie ein Nutzer kommentiert hatte, Google zu bashen und Apple zu feiern? Ich halte von keinem der beiden Unternehmen Aktien und hätte auch sonst keinen Vorteil – zumal wir mehr über Android berichten als wir es über Apple tun. Der Grund, warum ich nachlege, ist folgender: Die lächerlich geringe Verbreitung des aktuellen Androids ist ein Missstand. Dass zu kritisieren, ist kein Google-Bashing. Diesen Missstand mit Apples Ökosystem zu vergleichen, ist meiner Auffassung nach notwendig, um vor Augen zu führen, dass eine zeitnahe Versorgung mit dem neuesten OS auch bei vergleichsweise alten Geräten möglich ist. Dass Hersteller die jüngste Android-Version nur als Verkaufsargument für ihre neue Top-Flaggschiffe nutzen und Geräte, die kein Jahr alt sind, stiefmütterlich behandeln, muss aufhören.


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