LG G5 im ausführlichen Test: Ist das die modulare Zukunft?

Google wollte mit Project Ara ein modulares Smartphone auf den Markt bringen, tritt bei dem Projekt aber seit über einem Jahr auf der Stelle. So ist das LG G5 das erste massentaugliche modulare Smartphone. Kann das Flaggschiff davon profitieren? Der ausführliche Test.

Vorab zum Hintergrund: Bei Project Ara setzt Ihr selbstständig ein Smartphone aus einem Gerüst und Bauteilen für Display, Kamera, Akku, Speicher und Prozessor zusammen und könnt die einzelnen Teile austauschen. Das funktioniert auch beim Fairphone 2, das sogar schon erhältlich ist. Das modulare Konzept des LG G5 besteht dagegen darin, ein vollständiges Smartphone mit Modulen zu ergänzen.

Das Display ist immer an

Mit 5,3 Zoll ist das Display des LG G5 im Vergleich zu den zwei Vorgängermodellen etwas geschrumpft, verfügt aber weiterhin über eine hohe Auflösung von 2560 x 1440 Pixeln. Das sorgt für eine Pixeldichte von 554 ppi und eine extrem hohe Detailgenauigkeit sowie ein scharfes Bild. Darüber hinaus überzeugt der Bildschirm mit satten Farben und großen Betrachtungswinkeln.

Das Display nimmt fast die gesamte Vorderseite ein. Nur der abnehmbare untere Bereich besteht wie das restliche Gehäuse aus Metall. Allerdings hat LG das Metall beschichtet, damit die Antennenbänder nicht zu sehen sind und sich ein einheitlicher Look ergibt. Optisch und auch in der Hand fällt die Beschichtung nicht negativ auf.

Mit Blick auf das Material und das Design bricht LG mit den Vorgängern. Die rückseitigen Buttons sind verschwunden. Mir gefallen der schlichte Look und auch die leicht abgerundeten Ecken. Allerdings gibt es zwischen Rahmen und Rückseite eine deutlich spürbare Kante, die das Smartphone zwar etwas griffiger macht, aber den Handschmeichelfaktor deutlich senkt.

Wie das Galaxy S7 verfügt auch das G5 über ein "Always On"-Display und LG schafft es, die dauerhafte Anzeige von Uhrzeit, Datum und Benachrichtigungen sinnvoller zu gestalten als Samsung. Während das S7 nur auf eingehende SMS und verpasste Anrufe hinweist, zeigt das G5 alle Symbole aus der Benachrichtigungsleiste an. So ergibt die Funktion deutlich mehr Sinn.

Falls Ihr sie trotzdem nicht nutzen wollt, könnt Ihr die "Always On"-Funktion in den Einstellungen ausschalten. Der Stromverbrauch soll bei maximal 0,8 Prozent des Akkus in einer Stunde liegen. Das wären in 24 Stunden stolze 20 Prozent, aber während des Tests hatte ich nicht das Gefühl, dass die Funktion den Akku leersaugen würde. Den minimale Verbrauch gibt LG mit 0,3 Prozent in der Stunde an, was auf 16 Stunden - acht sollt Ihr ja am Tag schlafen - gerechnet fünf Prozent wären.

Absoluter Stand der Technik

Unter der Haube hat LG das G5 im Vergleich zum Vorgänger deutlich aufgerüstet, bietet aber auch nur das, was in anderen Flaggschiffen steckt. Auf dem Datenblatt stehen der Snapdragon 820 mit vier Rechenkernen mit jeweils 2,15 Gigahertz, der Grafikchip Adreno 530 und vier Gigabyte Arbeitsspeicher. Im Antutu-Benchmark reicht das in der Spitze für über 138.000 Punkte - nach mehreren Durchläufen sinkt das Ergebnis aber auf nur noch etwa 103.000 Punkte ab. Zum Vergleich: das LG G4 mit dem Snapdragon 808 schafft rund 60.000 Punkte. Im Geekbench 3 erreicht das G5 2328 und 5446 Punkte im Single- und im Multi-Core-Test.

Damit liegt das G5 bei diesen Messwerten in der aktuellen Spitzengruppe. Das Samsung Galaxy S7 Edge kommt mit seinem Exynos 8890 auf rund 132.000 Antutu-Punkte und verliert nach mehreren Durchläufen weniger Leistung - wie unser Benchmark-Vergleich zeigt. Im Geekbench 3 liegt es mit 2081 und 6440 Punkten einmal vor und einmal hinter dem LG-Smartphone. Noch deutlicher wird diese Trennung zwischen Single- und Multi-Core beim Kirin 955 des Huawei P9 mit 1754 und 6610 Punkten, das bei Antutu jedoch nur rund 97.000 Punkte erreicht.

Abseits dieser rechnerischen Werte lässt sich festhalten, dass das LG G5 im Alltag superflott ist. Die Benutzeroberfläche reagiert ohne Verzögerung, Apps starten sehr schnell und auch grafisch aufwändige Spiele stellen für das Smartphone kein Problem dar. Wobei sich die Hardware nach außen sehr zurückhaltend gibt. Asphalt 8 startet zum Beispiel mit mittlerer Grafikqualität. Das ist aber gar nicht nötig, da die Leistung des G5 problemlos für die höchste Grafikqualität ausreicht.

Nachdem beim LG G2, G3 und G4 die Tasten auf die Rückseite gewandert waren, kehrt beim LG G5 zumindest die Lautstärkewippe wieder an die Seite des Gehäuses zurück. Das ist im ersten Moment verwirrend, aber auch langjährige LG-Nutzer gewöhnen sich schnell. Der Einschaltknopf bleibt auf der Rückseite und beherbergt einen Fingerabdrucksensor, der Eure Schleifen, Wirbel und Bögen sehr schnell erfasst und das Smartphone entsperrt.

Durch den für die modulare Bauweise notwendigen Magic Slot lässt sich der Akku des LG G5 trotz Metallgehäuse weiterhin austauschen. Er weist eine Kapazität von 2800 mAh auf und hat während des Tests das Smartphone gut über den Tag gebracht. Um den nächsten zu schaffen, musste ich es aber wieder aufladen. Dabei erwies sich die Schnellladefunktion als hilfreich, die in 30 Minuten den Akku um 50 Prozent auflädt.

Kamera: mehr Winkel und bessere Bilder

Das LG G4 verfügte schon über eine sehr gute Kamera. So stellt sich die Frage, ob sie beim LG G5 noch besser geworden ist. Auf dem Papier sind die Kameras mit 16 und acht Megapixeln unverändert geblieben und nur eine zweite Kamera auf der Rückseite hinzugekommen. Diese liefert Fotos mit einer Auflösung von acht Megapixeln und verfügt über eine 135-Grad-Weitwinkellinse. Zwischen beiden Rückseitenkameras schaltet Ihr mit einem Fingerdruck auf das Display in der Kamera-App um.

Alleine die Weitwinkel-Kamera ist eine sehr hilfreiche Ergänzung der Hauptkamera, die ich während des Tests gerne benutzt habe. Sie kam immer dann zum Einsatz, wenn ich nicht weiter vom Motiv weggehen konnte, es aber mit der 78-Grad-Hauptkamera nicht komplett ins Bild bekam. Trotz der geringeren Auflösung bleibt der Verlust an Bildqualität gering. Das ist umso beeindruckender, wenn man bedenkt, dass LG es bei der Hauptkamera des G5 geschafft hat, die Bildqualität im Vergleich zum G4 noch einmal zu verbessern. Wer mehr Möglichkeiten bei der Nachbearbeitung haben möchte findet zudem im manuellen Modus die Möglichkeit RAW-Fotos aufzunehmen.

Den ausführlichen Kameravergleich des LG G5 und LG G4 könnt Ihr hier nachlesen - und vor allem anschauen.

Android Marshmallow könnte aufgeräumter werden

Der 32 Gigabyte große interne Speicher lässt sich mit einer microSD-Karte erweitern, falls Euch die beim ersten Einschalten des Smartphones noch freien 23,19 Gigabyte Speicherplatz nicht ausreichen. Das bedeutet aber im Umkehrschluss auch, dass fast neun Gigabyte bereits mit Android und vorinstallierten Apps belegt sind. Das ist ein durschnittlicher Wert. Für meinen Geschmack hätte LG hier noch sparsamer sein können.

Rund neun Gigabyte belegen Marshmallow 6.0.1, die Nutzeroberfläche LG UX 5.0 sowie diverse vorsinstallierte Apps. Vor allem bei Letzteren hätte LG etwas sparsamer sein können und sich ein Beispiel am HTC 10 nehmen. Evernote, Facebook und Instagram braucht nicht jeder. Aber man kann sie nur deaktivieren und nicht deinstallieren. Ansonsten gibt es noch viele mehr oder weniger praktische Helfer, die sich teilweise mit den vorsinstallierten Google-Apps doppeln - Kalender, E-Mail oder Kontakte. Wer LG Health, LG Smartworld oder den LG Friends Manager nicht braucht, wird diese Apps nicht vollständig los. Dagegen ein deutlicher Pluspunkt ist die QuickRemote-App, die das Smartphone zusammen mit dem eingebauten Infrarotsender in eine Universalfernbedienung verwandelt.

Ist das modular oder kann das weg?

Zum Schluss des Tests noch ein paar Worte zum Magic Slot, die mir zu Beginn des Tests viel lieber gewesen wären. Denn ich bin ein großer Fan modularer Smartphones. Allerdings geht LG mit dem Konzept noch viel zu restriktiv um. So gibt es zum Start des LG G5 nur zwei Module. Das LG Cam enthält zwar einen zusätzlichen Akku, aber ich bin mit der Kamera des G5 auch ohne extra Auslöse-Taste sehr zufrieden und sehe bei einem reinen Digitalzoom keinen Sinn in Zoom-Tasten.

Das Soundmodul von Bang & Olufsen reizt mich ebenfalls nicht besonders - und weitere Module sind noch nicht in Sicht. So mache ich mir keine großen Hoffnungen auf eine Vielzahl an Modulen. Dafür sind die Verkaufszahlen des G5 noch zu gering. So sind das iPhone und das Galaxy S7 für Zubehör-Hersteller attraktiver. Zudem lässt LG nicht jeden Entwickler auch Module für das G5 herstellen. Angeblich um zu verhindern, dass es negative Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit des Smartphones hat. Das ist verständlich. Stattdessen müssen diese ihre Ideen bei LG vortragen und sich genehmigen lassen. Aber wer steckt bitte Zeit und Geld in die Entwicklung eines neuen Produkts, wenn dessen Existenz nachher von der Meinung einer anderen Firma abhängig ist?

Fazit: ein sehr gutes Smartphone, dessen revolutionärer Ansatz verpufft

Das Design ist, wie so oft, Geschmacksache. Doch bei der Hardware und der Kamera macht kein anderes Android-Smartphone dem LG G5 etwas vor. Auch in Sachen Software hält das G5 problemlos mit dem Galaxy S7 mit - wenn auch die Philosophie der Nutzeroberfläche eine andere ist.

So sehr mich das LG G5 als Smartphone überzeugt hat, umso enttäuschter bin ich von der Umsetzung des modularen Konzepts. Die Offenheit eines Project Ara sucht man vergeblich. Ich fürchte, dass dieser Rohrkrepierer der ganzen modularen Idee großen Schaden zufügen kann. Betrachtet man das G5 dagegen "nur" als Smartphone, ist es ein großartiges Gerät - das auf den Schlitz des Magic Slots im Gehäuse gut hätte verzichten können.

Preislich liegt das LG G5 mit 699 Euro gleichauf mit dem HTC 10 und dem Galaxy S7.


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